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Für Sigi
Vor etwa zwei Jahren fing die Rote an, durchs Märchenland zu wandern. Sie selbst kam ursprünglich aus dem Menschenreich.
“Menschenreich”, ein Wort, das hier schon fast in Vergessenheit geraten war. Nur die ganz Alten kannten noch ein paar Geschichten.
“Da wohnen die, die nicht an uns glauben” wurde gemunkelt.
Was für ein Unfug, denn was war schon echter als das Märchenland?
Nun, es hatte bisher kaum jemand gewagt, die Grenzen zu überschreiten. Ausser einigen Wenigen, die dies nicht freiwillig taten. Sie wurden angeblich aus ihrer Welt herausgelesen. Die Begriffe “Tintenherz” und “Tintenblut” zu nennen, wagte keiner, der auch nur einen Funke Verstand hatte. Aber, wie gesagt, einige Wenige gingen fort und noch weniger kehrten je zurück.
Umso erstaunlicher war das Erscheinen der Roten. Sie war plötzlich da.
Das erste Mal fiel sie im “Salon Rapunzel” auf. Sie kam zum Haarefärben. Niemand hatte vor ihr die Farbe “Luziferrot” verlangt. Luziferrot ist so blutrot, wie Schnee weiß und Ebenholz schwarz ist. Deshalb war Rapunzel anfänglich auch vorsichtig und versuchte es mit einer anderen Farbe. Schließlich hatte sie einen Ruf zu verlieren.
“Was soll denn diese Hennascheiße? Wenn ich “Luziferrot” sage, dann meine ich auch “Luziferrot”!” wütete die Rote. Zerknirscht unternahm Rapunzel den zweiten Versuch. Nachdem sie die Fremde gefärbt und gefönt hatte und das Ergebnis sah, versteckte sie sich hinter der Wanduhr, weil sie Angst vor der Reaktion hatte.
“Großartig! Das nenn ich rot! So und genau so wollte ich das haben. Das hat niemand geschafft, bei uns im Menschenre…” und schlug sich auf den Mund.
Mannomann, fast hätte sie sich verraten. Das war ja noch mal gut gegangen.
Dachte sie.
Was sie aber nicht bemerkt hatte, war, dass sich eines der sieben Geisslein in der Wanduhr versteckt hatte und dem geschäftigen Treiben interessiert lauschte.
Sofort rannte es nach Hause und fragte die Mutter:
“Mama, was ist das Menschenre…?”
“Psst, bist Du sofort still! Woher hast Du dieses Wort?”
“Menschenre….? Hab ich bei Rapunzel gehört, da war heute eine Frau, die hat das gesagt. Was bedeutet das?”
“Das bedeutet, dass sie aus dem Menschenreich kommt. Das ist ein Land weit weg von hier. Keiner weiss, wo es liegt. Und es ist bestimmt GEFÄHRLICH! Du darfst mit niemandem darüber sprechen! Auf gar keinen Fall! Sonst wasche ich Dir den Mund mit Seife aus.”
“Na, immer noch besser als Kreide zu fressen.”, dachte das Kleine. Und jedermann weiß, was Kinder tun, wenn ihnen etwas verboten wird. Sie tun es erst recht.
Ganz heimlich natürlich.
Klein-Geisslein machte sich also auf zu seinen Freunden den drei Schweinchen.
“Wißt Ihr was, …, aber Ihr dürft nicht darüber reden!”
Es kam, wie es kommen mußte. Nach zwei Tagen wußte das ganze Märchenland bescheid.
Ein Mensch war eingedrungen. Eine nicht einzuschätzende Gefahr!
Man beschloß, den Großen Rat einzuberufen.
Zum ersten Mal seit Märchengedenken kamen alle dorthin. Man beriet hin und her. Fürs und Widers. Pros und Kontras.
War sie eine Gefahr?
Was konnte sie anrichten?
“Sie kann noch nicht mal zaubern” sagte die Hexe.
“Und sie kann keine Kräutlein sammeln” gackerte die Gans.
“Sie kann kein Stroh zu Gold spinnen” bemerkte die Müllerstochter.
“Sie…” prustete der Esel, “sie kann keine Dukaten kacken!”
“Und sie kann auch keine Taler in ihrem Nachthemd auffangen” fügte Sterntaler hinzu.
“Wahrscheinlich muß sie sogar selber kochen” kicherte das Tischlein-Deck-Dich.
“Und wenn sie mich küsst, bleibe ich ein Frosch” jammerte der Frosch.
“Und fliegen kann sie auch nicht!” klingelte Glöckchen.
“Kann sie denn wenigstens Betten machen?” fragte Frau Holle.
“Was genau bezweckst Du denn jetzt mit dieser Frage?” ereiferte sich Goldmarie.
“Wenn nicht, lad ich sie mal zum Kaffee ein” entgegnete Pechmarie.
“Kaffe? Pah. Bei meiner “Nicht-Geburtstags-Feier gibt es immer Tee.” sagte der verrückte Hutmacher.
“Wie sieht die eigentlich aus?” interessierte sich die Böse Königin.
“Das wüßtest Du wohl gerne” konterte der Spiegel.
“Wenn sie singen könnte, dann wäre sie bestimmt beim letzten Casting aufgetaucht” gröhlten die Bremer Stadtmusikanten.
“Casting? Was für ein Casting?” fragte der Rabe und liess mal wieder seinen Käse fallen.
“Um wen geht es eigentlich?” wunderte sich Hans-Guck-In-Die Luft.
“Na um die Rote!” trällerten Schneeweißchen und Rosenrot.
“Rot, Rot. Ich hör immer nur Rot! Seht Euch meine Lippen an. Die sind Rot!” wetterte Schneewittchen.
“Kann sie denn wenigstens Linsen sortieren? Ich hab im Moment so wahnsinnig viel zu tun” jammerte Aschenputtel.
“Hör auf, von Linsen zu sprechen. Ich bin am ganzen Körper grün und blau.” beschwerte sich die Prinzessin auf der Erbse.
“Eine Prinzessin ist sie jedenfalls auch nicht. Du jammerst ja schon, wenn Du auf einer Erbse liegst. Die Rote hatte neulich einen Muskelfaserriß und hat sich nichts anmerken lassen!” dozierte Professor Habakuk Tibatong.
“Also, von Mode hat sie bestimmt keine Ahnung! Seht Euch mal meine neuen Kleider an.” rief der Kaiser dazwischen.
“Zieh Dir mal lieber selber was über, Du alter Exhibitionist. Schließlich sind Kinder hier.” meckerte die alte Geis.
“Was für eine Schuhgröße hat sie?” fragte der gestiefelte Kater.
“Ist doch völlig wurscht, meine Siebenmeilenstiefel passen jedem!” bemerkte der Kleine Däumling.
“Weiß eigentlich jemand, wie sie heißt?” fragte Rumpelstilzchen.
“Weiß denn irgendwer, wie Du heißt?” wunderte sich der Dumme August.
“Also ich finde, im Märchenland darf nur der bleiben, der etwas ganz Besonderes kann!” warf das tapfere Schneiderlein ein.
“Na, das sagt der Richtige” riefen die Riesen im Chor.
“Dann kann sie also gar nichts und muß von hier verschwinden!” sprach König Drosselbart, um das Thema zu beenden.
So war es beschlossen und so sollte es sein.
“Ich könnte das übernehmen” sprach der Wolf.
“Das könnte Dir so passen! Wir wollen sie verjagen und nicht verdauen!” entgegnete der König.
“Vielleicht könnte ich…?” fragte der Knüppel-aus-dem-Sack.
“Klappe!” klapperte Adebar.
“Also ich muß sowieso in der nächsten Zeit ins Menschenreich. Die Großmutter hat eine neue Kaffeemühle und die wollte ich mir ansehen.” brummelte Hotzenplotz.
Die Versammlung beriet weiter, wie man die Rote finden und vertreiben könnte. Auch der Rattenfänger von Hameln bot sich an, die Organisation der Ausweisung zu übernehmen. Er ahnte nicht, dass seine Arbeit nicht mehr vonnöten war.
Denn niemand hatte bemerkt, dass die Rote, die sich auf einem Baum versteckt hatte, alles mitbekommen hatte.
Bestürzt und tief enttäuscht zog sie von dannen, zurück ins Menschenreich.
Sie kannte den Weg!
“Hummmhommmh” brummte der Baum traurig, als sie verschwand.
Plötzlich sauste ein kleines Etwas auf die Versammlung zu. Ein weißes Kanninchen. Es sah verstört auf seine riesige Taschenuhr.
“Mein Gott, ich bin zu spät! Zu spät! Zu spät! Bin ich zu spät?”
“Wie immer!” antworteten Max und Moritz wie aus einem Mund.
“Oh Gottogottogott. Was habt Ihr beschlossen?”
“Die Rote muß verschwinden. Weil sie nichts Besonderes kann! Sie ist eine Gefahr für uns alle!” klärte der König das Kanninchen auf.
“Aber, sie kann doch etwas! Etwas, das wir alle nicht können. Ach wäre ich doch bloß nicht zu spät gekommen.”
Ein großes Gemurmel hob an.
Was kann schon wichtiger sein als zaubern, fliegen und Frösche küssen.
“Also” fragte der König, “was ist es?”
Das Kanninchen antwortete scheu: “Sie kann zwar nicht fliegen und kein Stroh zu Gold spinnen. Aber sie kann etwas viel Bedeutenderes!”
“Jetz aber mal Butter bei die Fische” forderte Ilsebill. “Was kann sie denn so Tolles?”
Das Kanninchen war etwas verunsichert, antwortete dann aber klar und bestimmt:
“SIE KANN GESCHICHTEN ERZÄHLEN!”
“Geschichten erzählen?” fragte es von allen Seiten.
“Sie kann wirklich Geschichten erzählen?”
“Ja” antwortete das Kanninchen, “die schönsten Märchen, die ich je gehört habe”.
“Dann darf sie natürlich hierbleiben. Nein, sie darf nicht, sie muß!” wurde einstimmig beschlossen.
“Herrjeh, sie ist aber schon fort. Sie kam mir entgegen und sah ganz traurig aus! Dass ich aber auch immer zu spät kommen muß!” Das Kanninchen war total am Ende mit seiner Kraft und seinen Nerven.
“Dann müssen wir sie finden! Seit Jahrhunderten hat man uns keine Geschichten mehr erzählt!”
Doch wo sollte man suchen? Das Menschenreich war riesig.
Und wen sollte man mit dieser wichtigen Aufgabe betrauen?
Und wenn man die Rote dann gefunden hätte: womit könnte man sie dazu bewegen zurückzukommen?
Es wurde lange beraten, doch man kam zu keinem Ergebnis.
Bis Rapunzel schüchtern nach vorne trat und sagte:
“Ich gebe Euch meine letzte Packung “Märchenhafte Haarfarbe Luziferrot”. Das wird sie überzeugen!”
Sprach’s und stellte die Packung in die Mitte der Gruppe.
“Bäääh”, riefen alle durcheinander, “das fasse ich nicht an.”
“Das ist ja ekelhaft!”
“Und so rot!”
Und während sie so meckerten, sprach Hans im Glück :
“Ich bringe die Farbe ins Menschenreich! Auch wenn ich den Weg nicht weiß”
Hänsel und Gretel gesellten sich zu ihm:
“Wir werden Dich begleiten. Du hast unsere Kieselsteine!”
“Und meine Stiefel” sprach der Kleine Däumling,
“Und mein märchenhaftes Jugendschutzgesetz” folgte schließlich Sozialarbeiter Willi Busch.
Und gerade als der Zauberer Petrosilius Zwackelmann etwas sagen wollte, kamen Max und Moritz angelaufen:
“Hey, wir kommen auch mit. Oder Ihr werdet uns in einem Sack verschnürt heimschicken müssen. Wie dem auch sei, man braucht Leute mit Verstand für diese Abenteuer-, was auch immer, Geschichten!”
Der Zauberer, dem seine Erleichterung anzusehen war, verkündete:
“Sieben Gefährten sollt Ihr sein! Die “Gemeinschaft der Suchenden” sollt Ihr heißen. Und Du, Hans im Glück, sollst fortan der “Farbenträger” genannt werden. Ich werde meine Boten aussenden, damit sie Euch unterstützen mögen!”
Und er schickte seine geflügelten Helfer aus:
Dumbo flog gen Norden und suchte alles ab; Nils Holgerson machte sich auf nach Westen; Biene Maja summte gen Süden und der Fliegende Holländer segelte in Richtung Osten.
Doch keiner konnte etwas berichten.
Die Gemeinschaft war ratlos. Und so wandte sie sich an Hans.
“Du bist der Farbenträger, Du sollst entscheiden, welchen Weg wir gehen!” sagten sie.
“Die Boten sind weit geflogen. Haben im Süden, Norden, Osten und Westen nichts gesehen. Und hoch oben auch nicht. Dann bleibt nur eine Möglichkeit: unten!
Wir gehen an den Niederrhein! Dort werden wir die Rote finden!” beschloß Hans.
Und so machten sich die sieben Gefährten auf den Weg. Es sollte eine lange Reise werden. Am 35. Mai waren sie aufgebrochen und nun war es schon Herbst.
Über die Sieben Berge waren sie gewandert, durch Rosenhecken hatten sie sich ihren Weg gebahnt, den Brandywein-Fluß überquert und standen eines Tages mitten im Höllenschlund. Dort trafen sie ein paar Rumpelwichte und fragten diese nach dem Weg zum Niederrhein.
“Wiesu wollt Ihr da hin?” gaben sie zurück.
“Wir suchen die Rote?”
“Wiesu denn bluß?”
“Sie ist verschwunden und wir wollen sie zurückholen!”
“Verschwunden? Pfui, pfui, pfui!”
Diese kleinen Wesen schienen keine große Hilfe zu sein. Durch ihr Gezeter hatten sie aber ein strubbeliges Mädchen angelockt, dem die Gefährten die gleiche Frage stellten.
“Was wollt Ihr denn da? Da ist doch nichts zu holen.” wunderte sich Ronja.
“Wir sind uns sicher, dass die Rote dort wohnt.”
“Am Niederrhein? Beim Donnerdrummel, wie lustig! Aber, der Weg ist ganz einfach: Ihr müßt nur dem Pfad da hinten folgen und nach etwa zwölf Tagesmärschen seid Ihr da.”
Und endlich: nach Monaten der Suche erreichten sie am 30. Oktober ein Häuschen in Uedem.
“Nehmt Ihr da sofort die Finger weg!”
Sozialarbeiter Willi Busch konnte gerade noch verhindern, dass Hänsel und Gretel sich an der Fassade zu schaffen machen. Allerdings hatten sie vorher schon das “Zu Verkaufen”-Schild verputzt, das im Garten stand.
“Nein, Hans, Du darfst das Päckchen Haarfarbe nicht gegen einen Maiskolben eintauschen!”
“Max und Moritz, reißt Euch zusammen! Der Däumling wird nicht an diese Katze verfüttert! Das darf ja wohl nicht wahr sein!”
Er überlegte ernsthaft, seinen Job an den Nagel zu hängen.
Die Katze aber fragte:
“Was wollt Ihr denn hier?”
“Wir suchen die Rote! Und wir dachten, sie wohnt hier.” sagte Willi.
“Die Rote wohnt hier nicht…” antwortete die Katze.
Gretel fing an zu weinen: “So war also die ganze Mühe umsonst? Die vielen Monate der Pein und Qual? Die wundgelaufenen Füße und die Wochen des Darbens? Die Zeiten der …”
“Jetzt halt aber mal den Ball flach und laß die Katze weiterreden”, unterbrach Hans im Glück.
Die Katze sprach: “Die Rote wohnt hier nicht mehr. Sie ist umgezogen. Es ist aber nicht weit von hier. Da hinten links, über die Kreuzung, rechts, wieder links, am Felsen rechts und dann das fünfte Haus auf der rechten Seite.”
“Vielen Dank!”, rief Willi, der schon losgerannt war.
“Erste Etage links!” wollte die Katze noch sagen, aber da waren sie schon weg.
Endlich am Ende ihrer Reise angekommen klingelten sie.
Die Tür ging auf und im Rahmen stand:
DIE ROTE!
Und obwohl sie es vorher nicht abgesprochen hatten und eigentlich etwas ganz anderes sagen wollten, riefen plötzlich alle sieben im Chor:
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM GEBURTSTAG SIGI!